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Mit dem Schiff auf die Färöer-Insel

Windstärke zehn und Wellen, so hoch wie das Schiff. Damit wurde uns gedroht, wenn wir mit der Fähre auf die Färöer-Inseln reisen. Warum sollte man sich sowas also tun? Kommt man da nicht auch anders hin? Nun, so ist das mit Inseln eben. Das Schiff ist eine der beiden Möglichkeiten, wie man diesen Inselarchipel im Nordatlantik erreichen kann. Die Anreise mit dem Flugzeug ist die andere Variante. Mehr gibt es da nicht. Auf Vágar – der drittgrößten der Färöer-Inseln – würden wir landen, nähmen wir das Flugzeug. Ganz spektakulär kann es dabei zugehen, denn die Start- und Landebahn weist in Richtung des Leitisvatn. Das ist der größte Binnensee der Inseln dort. Möge er nie zum Einsatz kommen als Notwasserstelle für eine verunglückte Landung oder einen missglückten Start! Aber das steht uns eh nicht bevor, denn wir nehmen ja die Fähre und wählen damit den hohen Seegang.
Mit dem Schiff auf die Färöer-Inseln

Hirtshals

Mit dem Schiff auf die Färöer-Inseln

Im Hafen von Hirtshals

Mit dem eigenen Auto auf die Inseln

Werden Richy oder ich leicht seekrank? Nö, nicht dass ich wüsste. Fürchten wir die Stürme, die tosenden Wogen? I-wo, nicht, seit wir zu Grundschultagen die Mundorgel auswendig lernen durften. Auf die harte Probe gestellt worden bin ich bisher noch nicht. Aber es wird schon gutgehen.

Eine Schiffsreise hat zudem den Vorteil, dass wir das eigene Auto mitnehmen können. Damit brauchen wir vor Ort keinen Mietwagen. Das ist – wie ich schon öfter gehört habe – im Sommer gar nicht einfach. Die meisten Mietwagen sind schon Monate im voraus gebucht. Man muss daher ziemliches Glück haben und tief in die Tasche greifen, um auf den Inseln per Mietwagen mobil zu sein.

Grundsätzlich gibt es auch einen funktionierenden öffentlichen Nahverkehr vor Ort. In der Hauptstadt Tórshavn ist er gar kostenlos! Um an abgelegene Orte zu kommen, wird uns das Auto jedoch gute Dienste leisten. Zudem nutzen wir den Wagen als Campingmobil und haben auch bei der Menge unseres Gepäcks freie Hand. Und außerdem entschleunigt sich die Anreise. Fast zwei ganze Tage werden wir auf See sein. Kein Stress, keine Staus, keine Luftlöcher. Nur Meer und Weite. Damit ist die Sache klar und die Überfahrt beschlossen.

Mit dem Schiff auf die Färöer-Inseln

Im Hafen von Hirtshals 

Mit dem Schiff auf die Färöer-Inseln

Es wird Abend

Erste Station Hirtshals

Die Fähre startet standardmäßig von Hirtshals in Dänemark. In Hirtshals werden wir die Nacht auf einem der beiden Zeltplätze verbringen, denn wir sich schon einen Tag früher hier angekommen. Der Ort versprüht sofort Urlaubsatmosphäre. Die Dünen, der weiße Sand, das Meer und die Möwen. Herrlich! Sommerlich warm ist es. Der Ort selber hat viele Gesichter. Im Osten liegen die Fährterminals. Riesige Dampfer verschlingen Autokolonnen und Menschenmengen. Die werden wir morgen noch gründlich zu Gesicht bekommen. Dort können wir uns am Morgen auch noch das Meerwasseraquarium ansehen – angeblich das größte Europas. Dahinter lädt der „Stadtwald“ zum flanieren ein. Oder zum Geocachen. Mal sehen, wie viel Zeit uns bis zum Check-in bleibt und wie viel Lust wir dazu haben werden.

Was wir für heute planen, ist ein längerer Spaziergang von den Terminals, durch den Ort und noch ein wenig darüber hinaus. Dabei kommen wir als erstes an einem Dock vorbei, in dem eine alte Ölbohrplattform liegt – ein gigantisches rostiges Ungetüm. Kannte ich bisher nur von Bildern. So etwas direkt vor mir zu sehen, ist schon beeindruckend – und ein bisschen beklemmend. Wie ein Relikt aus vergangener Zeit – aber vermutlich wohl noch eine Weile aktuelle Realität.

Lieblich dagegen ist der Hauptort. Weiße Häuschen, eine lebendige Fußgängerzone, versteckt in einer Seitenstraße ein Uhrenmuseum. Die Küstenpromenade ist gut besucht. Von hier bis zum Leuchtturm ist es ein hübscher Spaziergang. Der Blick hinunter aufs Meer und bis zum Horizont. Ich schlendere und lasse den Blick schweifen. Zurück laufen wir an der Wasserlinie durch den Sand. Es ist warm genug für ein Fußbad – und ich bin nicht die Einzige. Überall sehe ich entspannte und erwartungsvolle Urlauber, denen es offensichtlich gut geht. Von hier aus gelangen wir in den Jacht- und Fischereihafen. Ich liebe es, mir Hafenstädtchen von der Mole aus anzusehen! Und davon hat Hirtshals einige. Nachdem ich dem zweiten Molenkopf einen Besuch abgestattet habe, wird es Zeit für den Rückweg – mein Magen ist jedenfalls der Meinung. Die Sonne sinkt und der Himmel färbt sich rosig. Ich fühle mich wohl. Der morgige Tag kann kommen.

Mit dem Schiff auf die Färöer-Inseln

Auf der Fähre

Mit dem Schiff auf die Färöer-Inseln

Da kann er hängenbleiben

Für die meisten nur ein Zwischenstopp

Hirtshals ist einer der wichtigsten Knotenpunkte für alle, die per Schiff nach Skandinavien reisen wollen. Hier starten die Schiffe nach Christansand, Stavanger und Bergen. Wer nach Island möchte, findet hier ebenfalls eine Fährverbindung. Und gerade diese Fähre ist es, die wir nehmen werden und die den Island-Fahrern einen ein- bis mehrtägigen Aufenthalt auf den Färöern beschert. Denn ohne Zwischenstopp kommt niemand per Schiff nach Island. Islandfahrer, das sind an Bord – wie sich schnell herausstellt – beinahe alle Touristen. Die allermeisten lenken ein Wohnmobil an Bord. Fast alle, mit denen ich ins Gespräch komme, erwähnen die große Ringstraße um Island. Es droht dort voll zu werden.
Und wir sind die Exoten, die länger als drei Tage auf den Färöer-Inseln bleiben wollen. „Was wollt Ihr denn da so lange? Da hat man doch nach drei Tagen alles gesehen.“ Hat man? Wir werden es herausfinden. Ich jedenfalls bin guter Dinge, dass sich eine Reise auf die 18 Inseln lohnt und freue mich schon während der Fahrt, mir davon möglichst viele anzusehen.

Mit dem Schiff auf die Färöer-Inseln

Die Shetland-Inseln

Mit dem Schiff auf die Färöer-Inseln

Die Shetland-Inseln

Überfahrt mit Musik

Die Schifffahrt übrigens verläuft erstaunlich ruhig: Das Meer liegt glatt wie ein Teppich da. Maximal ein kleines Gekräusel, keine meterhohen Wellenberge und damit keine Chance also, seekrank zu werden. Die Zerstreuungen an Bord sind ebenfalls begrenzt. Ein kostenloses Schwimmbecken und einen Fitnessraum gibt es, Restaurant und Bar, den Blick über die Reling. Keine Hektik und kein Stress. Eher ein Hauch von Langeweile.

Da ist es ein Glück, dass ein färingisches Akkordeon-Orchester mit zugehörigem Chor mitfährt. Eine Chorfahrt, die die Gruppe durch Europa gemacht hat, geht gerade zu Ende und alle freuen sich darauf, bald wieder zu Hause zu sein. Das hält jedoch niemanden davon ab, unterwegs ein Gratiskonzert zu geben. Eine tolle Einstimmung auf unsere Reise!

Mit dem Schiff auf die Färöer-Inseln

Die Shetland-Inseln

Mit dem Schiff auf die Färöer-Inseln

An Bord

Kleine Abwechslung Shetland-Inseln

Das Orchester spielt und singt sich warm. Nach einer Stunde, ist es mir nach Abwechslung zu Mute und ich schlendere wieder durch das Schiff. Kein Problem, denn die Musikanten halten über die ganze 32 Stunden dauernde Fahrt durch – nachts sogar mit Tanzeinlage. Davon bekomme ich jedoch nicht mehr viel mit, denn mit Einbruch der Dunkelheit ziehe ich mich in meine Koje zurück und werde sanft in den Schlaf geschaukelt.

Früher einmal hielt die Island-Fähre auch an den Shetland-Inseln. Heute führt die Route nur noch ganz dicht daran vorbei. Eines er Ereignisse, dass alle an Deck lockt. Das Land ist zum Greifen nahe, hunderte Seevögel umkreisen hier das Schiff. Eigentümliche Buckel, wie Urzeittiere – so wirken die Inseln. Sehr karg und einsam. Das muss ich mir ein andermal genauer ansehen! Jetzt gibt es nur einen kurzen Blick, dann sind wir wieder auf dem offenen Meer und haben außer Himmel und Wasser und Horizont keine weitere Aussicht. Oder doch?

Mit dem Schiff auf die Färöer-Inseln

Die Färöer-Inseln

Mit dem Schiff auf die Färöer-Inseln
Der Hafen von Tórshavn

Wale und Delfine zum Schluß

Per Zufall bleibt mein Blick an einer Fluke hängen, dann an mehreren Rückenflossen: Grindwale, eine ganze Schule! Und Delfine, die in Reihen von vier, fünf Tieren aus dem Wasser springen. Atemberaubend und zauberhaft, ein anrührender Moment. Der ist schneller vorbei, als Richy oder ich uns besinnen können. An Fotos denkt dabei keiner von uns. Die Bilder jedoch bleiben im Gedächtnis.

Mit dem Schiff auf die Färöer-Inseln

Im Regierungsviertel

Mit dem Schiff auf die Färöer-Inseln

Im Regierungsviertel

Land in Sicht

Die Färöer-Inseln rücken als unscheinbarer Streifen am Horizont ins Bild. Ist das Land? Oder doch nur eine Täuschung? Wir kommen näher und so langsam werden einzelne Inseln erkennbar. Schließlich bekommt das Land Struktur.  Streymoy, die große Hauptinsel. Suðuroy ganz im Süden. Dazwischen Sandoy und als kleine Zacke Lítla Dímun. Weiter nördlich Eysturoy und das Gewimmel der Nordinseln. Schluchten und vorgelagerte Schären werden sichtbar. Schon lange, bevor wir das Land erreichen, begleiten Eissturmvögel und Trottellummen unser Boot.

Einer der mitreisenden Färinger erzählt über die kleine Stichelei, die zwischen Isländern und Färingern herrsche: Als im 9. Jahrhundert viele Wikinger vor der Schreckensherrschaft von Harald Schönhaar von Norwegen flohen, waren Die Färöer-Inseln der Zwischenstopp. „Hier haben wir die Schwachen und Seekranken zurückgelassen“, behauptet man in Island. „Von wegen schwach und seekrank! Die, die die meiste Angst hatten, sind weiter nach Island geflohen!“, so die Sicht der Färinger. Gleichstand, würde ich sagen.

 

Wir sind Wikinger

Tatsächlich gab es wohl mehrere Besiedelungswellen auf den Färöern, so lese ich in meinem Reiseführer. Den Anfang machten möglicherweise irische Mönche, die auch die ersten Schafe auf die bis dahin menschenleeren Inseln mitbrachten. Dazu Gerste oder Hafer. Relikte davon hat man jedenfalls auf der Insel Mykines, ganz im Westen, gefunden. Die Insel ist heute als Vogelparadies bekannt und wird gerne besucht. Das Leben zur Zeit jener ersten Siedler wird jedoch extrem hart gewesen sein. Mir knurrt jedenfalls der Magen und ich fange an zu frösteln, wenn ich es mir versuche vorzustellen. Vielleicht hatten Wikinger auch schon vorher kurz hier Station gemacht. Etwas genaues weiß mein Buch darüber jedoch nicht zu berichten. In einer nächsten Welle kamen Wikinger aus Norwegen, dann aus Irland und aus Schottland – ob nun gezielt oder weil man Island verfehlt hatte? Darüber wird spekuliert und gemutmaßt. Jedenfalls bestimmt das das Selbstverständnis der Färinger: „Wir sind Wikinger!“

Inzwischen bläst ein frischer Wind übers Deck. Das Meer ist jedoch weiterhin zahm. An der Reling versammeln sich nun immer mehr Fotografen. Jeder hofft auf das perfekte Licht während wir den Inseln immer näher kommen. Und ich kann mich kaum sattsehen an den schroffen Klippen, die nun immer näher rücken. Ich habe mich winddicht eingepackt, dennoch zieht es ganz ordentlich und ich fröstele leicht. Auf den Färöern ist es meistens um die 10°C warm. Im Winter manchmal etwas kälter, im Sommer selten auch schon einmal wärmer. Dazu bläst ein immer währender Wind, der im Sommer am schwächsten ist – also maximal Windstärke neun! Wussten wir vorher, das ist also keine Überraschung. Auch täglichen Regen oder Nebel werden wir gelassen auf uns zukommen lassen – da glaube ich zumindest feste dran.

 

In der kleinsten Hauptstadt der Welt

Dann haben wir Nólsoy umrundet. Ganz langsam löst sich das Stadtpanorama von Tórshavn aus dem Grün der Umgebung. Die Hauptstadt schmückt sich mit dem Prädikat „kleinste Hauptstadt der Welt“. Das stimmt vermutlich nicht ganz, tut jedoch dem Stadtpanorama keinen Abbruch. In seiner Bucht um den großen Hafen gelegen, kriechen die Häuser der Vorstadt ein wenig die benachbarten Hügel hinauf. Dahinter leuchtendes Grün, schroffe Felsen und Himmel in jeder Richtung. Die Häuschen der Innenstadt sind bunt und dicht gedrängt. Am auffälligsten leuchten die roten Holzhäuser mit dem Grasdach, die sich auf der Halbinsel Tinganes drängen. Das ist das Parlamentsviertel, in dem sich alle Ministerien und auch das Løgting – also die Landesregierung – befindet. Die Stadt ist weltstädtisch und winzig zugleich.

Die Einfahrt in den Hafen von Tórshavn ist dann nochmal ein besonderes Erlebnis: Der Fähranleger hat rechts und links gerade fünf Meter mehr Platz, als unser Riesendampfer misst. Optisch wirkt es sogar kleiner und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie und wo wir dort anlanden sollen. Sieht für mich unmöglich aus! Laut einem ortskundigen Mitreisenden ist die Fähre hier nur ein- oder zweimal gegen den Kai gefahren und hat sonst immer bravourös angelandet. Auch dieses Mal legen wir glatt an und die Wohnmobil-Kolonnen beginnen, von Bord zu rollen. Ankunft auf den Färöern – wir sind da. Und ich bin jetzt schon sicher, dass ich mich hier nicht langweilen werde. Was für eine traumhafte Landschaft, was für faszinierende Inseln!