Immer an der Wand lang

Saisonbeginn in den Dolomiten. Seit gestern fahren die Lifte. Die Dörfer zu Füßen des Monte Pelmo, der Civetta und der Marmolada räkeln sich zögernd aus ihrem Frühjahrsschlaf, in den sie kurz nach dem Ende der Skisaison gefallen sind. Bars und Restaurants öffnen und unzählige Fensterläden werden aufgeklappt.

Auch die Hütten entlang des Dolomitenhöhenwegs Nr.1 erwarten jetzt die ersten Wanderer und Tagestouristen.

Unsere Wanderung soll von Alleghe zur Coldai-Hütte führen, von wo wir, dem Höhenweg folgend, Station auf der Tissi-Hütte und der Vazzoler Hütte machen, um in Listolade wieder das Tal zu erreichen.

Alleghe liegt idyllisch am gleichnamigen See. Dieser entstand 1771 durch einen Bergrutsch vom Monte Forca. Man sieht dem Dorf an, dass es im Winter eine Hauptrolle im alljährlichen Skizirkus der Region spielt. Von ein paar Bausünden abgesehen, hat es sich jedoch seinen Charme als Bergdorf in den Dolomiten bewahren können.

Von hier aus starten wir. Dabei haben wir die Wahl, direkt aus dem Tal aufzusteigen – über Wanderwege, Fahrstraßen und Skipisten – oder mit dem Lift bis zum Col dei Baldi zu fahren. Dieser erste Teil der Wanderung ist wohl nicht der reizvollste, jedoch gewinnen wir schnell an Höhe und bald ist das Col erreicht.

Der italienische Frühling zeigt sich von seiner schönsten Seite hier oben. Es ist sonnig und schon erstaunlich warm – was nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass die Schneeschmelze noch in vollem Gange ist. Auf dem Berg sind Schneefelder keine Seltenheit. Die gilt es auch schon auf der ersten Etappe von Alleghe zur Coldai-Hütte zu überqueren, was mit der notwendigen Vorsicht jedoch kein Problem ist.

Wo der Schnee bereits geschmolzen ist, explodiert die Natur förmlich: Bergwiesen leuchten in gelb, wo sich Hahnenfuß, Habichtskraut und Anemone abwechseln, in blau, wo Vergissmeinnicht und Enzian üppig sprießen und in rot, wo Primeln und Alpenrose sich ein Stelldichein geben. Nahe dem tauenden Schnee findet man Krokusse und Huflattich.

Über allem thront der Monte Pelmo, der im ersten Wanderabschnitt die Kulisse dominiert. Vom Col dei Baldi hat man einen schönen Rundblick über die Marmolada im Westen, im Norden den Monte Cernera, Croda da Lago und La Rocheta. Und schließlich Monte Pelmo im Osten, der alles überragt. Mit 3168 m ist er nur wenig niedriger als der Monte Civetta, der sich von hier noch dem Blick entzieht.

Dominierten beim Aufstieg die Hinterlassenschaften des Skitourismus das Bild, so ist der Aufstieg zur Coldai-Hütte alpiner und ansprechend schön. Einige Tagestouristen, darunter auch Familien mit kleinen Kindern jeden Alters und vereinzelte Tourengänger sind hier unterwegs. Der Weg ist leicht und daher auch familientauglich. In der Coldai-Hütte duftet es nach Kaminholz und Apfelstrudel. »Heute war schon einiges los,« erzählt die Wirtin. »wegen des schönen Wetters. Aber kein Vergleich zum Sommer, dann ist es hier auf der Hütte richtig lebendig.«

Hinter der Coldai-Hütte führt der Weg auf die Westseite des Civetta-Massives. War der Weg bisher gefällig, so wird es nun schwierig. Am Lago Coldai hat der Winter das Zepter noch fest in der Hand. Ausgedehnte Schneefelder ziehen sich bis zum Ufer. Auf dem See schwimmen Eisschollen.

Die Civetta-Nord-West-Wand, die zu den größten zusammenhängenden Felswänden der Alpen zählt, wirft ihre Schatten auf das vor uns liegende Tal. Die Wanderwege liegen noch unter kompaktem Schnee, durch den nun die erste Spur führt. Die Orientierung ist schwierig, die Hänge, die wir queren, werden zunehmend steiler.

Da verwundert es nicht, dass das Hüttenbuch der Tissi-Hütte erst sechs Gäste verzeichnet. »Wir sind auch selber erst seit Vorgestern hier oben« sagt Frau Bellenzier, die Hüttenwirtin. »Weiter in Richtung Vazzoler Hütte werden die Schneeverhältnisse etwas einfacher.«

Dennoch lohnt es sich, gerade bei schönem Wetter, hier zu verweilen. Das Panorama des Civetta-Massives ist atemberaubend! Alpingeschichte wurde hier geschrieben, als dereinst Soleder und Lettenbauer eine bis dahin unbesteigbare Route begingen und den Gipfel der Civetta in nur einem Tag erreichten.

Und auch der Blick in die andere Richtung ist den Abstecher zur Tissi-Hütte wert. Steil fällt hier der Berg ab, so dass man fast senkrecht auf Alleghe und den See hinabschauen kann. Darüber thront im Hintergrund die Marmolada.

Nach reichlicher Verpflegung und einer angenehmen Nacht führt uns unser Weg am nächsten Morgen weiter in Richtung Vazzoler Hütte. Die Luft ist jetzt klirrend kalt, die Bewegung tut gut. Die südlichen Wandteile der Civetta sind bald erreicht, denn der Weg führt nun sachte aber stetig bergab. Von hier aus fällt der Blick ungehindert auf den Torre Trieste, der sich drohend steil erhebt. Und schließlich erreichen wir den Eingang zur Vazzoler Hütte.

Hier wartet schon ein Kaffee und etwas Gebäck auf uns. Damit gestärkt sind die letzten Meter bis ins Tal ein Kinderspiel. Dort, in Listolade hat der Sommer uns wieder.

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