Legal und Lecker gegen die Mafia

Wenn ich Freunden erzähle, dass ich bald wieder nach Sizilien fahre, gibt es zwei typische Reaktionen: Erstens der Stoßseufzer: „Schööön! Da will ich auch hin.“ und zweitens die ernst gemeinte Sorge: „Sizilien, ist da nicht die Mafia?“. Die zweite Reaktion kann ich gut nachvollziehen, hörte man doch in den 1980er und 1990er Jahren immer wieder von Morden, gerade in Palermo und anderswo auf Sizilien.

Legal und lecker gegen die Mafia

Landschaft bei Portella della Ginestra

Wenn ich dort war, so ist mir die Mafia bewusst jedoch nie begegnet oder aufgefallen. Alles Übertreibung? Schwindel? Oder gar Schnee von gestern? Ich wollte es genauer wissen und habe mich daher zum Interview mit Martin Klupsch getroffen.

 

Astrid: Ich führe heute ein Interview mit Martin Klupsch. Er ist einer der Betreiber von legal & lecker. Stell Dich kurz vor und erzähl mal, was Du tust.

Martin Klupsch: Das muss ich nochmal ein bisschen korrigieren. Legal & lecker ist kein Unternehmen, sondern Teil eines Unternehmens. Und zwar des Fair-Handelszentrums Rheinland. Da bin ich einer der Inhaber. Wir sind ein überwiegend regional tätiger Großhandel für fair gehandelte Produkte, wie man sie vielleicht kennt: Kaffee, Tee, Gewürze…

Legal und lecker gegen die Mafia

Portella della Ginestra

Also das „Fair Trade“, was man auch aus den Läden kennt?

… genau, allerdings nicht mit dem Fairtrade-Logo, dass die meisten kennen, sondern was wir anbieten hat einen etwas höheren Standard.

Wonach richten sich die Standards?

Also wir arbeiten ausschließlich mit Fair-Handels-Organisationen zusammen. Das heißt, es sind Import-Organisationen, die nichts anderes als fairen Handel betreiben und dann darauf achten, dass zum einen die Zusammenarbeit mit den Produzenten eine gute Qualität hat. Das heißt faire Bezahlung an erster Stelle. Aber auch Unterstützung, Beratung, Kontinuität in der Zusammenarbeit. Wir achten darauf, dass das möglichst über die ganze Handelskette verfolgt wird. Es sind Produkte, die man überwiegend in Weltläden findet.
Und ein Zweig im Fair-Handelszentrum ist das, was wir unter dem Namen „legal & lecker“ verkaufen. Das sind italienische Produkte, die wir importieren und auch bundesweit vertreiben. Das Besondere an diesen Produkten ist, dass sie „Mafia-frei“ sind oder von befreitem Mafia-Land stammen, also Produkte von Kooperativen, die zum Teil Ländereien bewirtschaften, die im Besitz der Mafia waren und dann vom italienischen Staat konfisziert worden sind.

Ich kenne Libera Terra. Das ist eine Organisation, die gerade in Sizilien sehr aktiv ist.

Genau. Libera Terra. Da gibt es eine ganze Reihe Kooperativen in Sizilien, aber auch in Apulien, Kalabrien, Kampanien.

Legal und lecker gegen die Mafia

Ortsschild Corleone

Kommen auch da die Produkte her?

Der Schwerpunkt ist Sizilien, aber auch aus den anderen Regionen. Es sind aktuell neun Kooperativen, die ehemalige Mafia-Ländereien bewirtschaften und die sich im Verband Libera Terra Mediterraneo zusammengeschlossen haben. Von denen beziehen wir einen Teil der Sachen.
Der Fair-Trade-Handel wird ja überwiegend noch so verstanden, dass nur mit – wie man früher sagte – der Dritten Welt gehandelt wird, also mit den Ländern des Südens oder den unterentwickelten oder noch nicht entwickelten Ländern – je nachdem, welche Begrifflichkeit man da verwendet. Europa fällt da klassischer Weise raus. Dabei entsprechen Libera Terra und auch unsere anderen Handelspartner den Standards der Fair-Handelsorganisationen. Die größte Fair-Handelsorganisation in Italien heißt Altromercato. Die vertreibt in Italien auch Mafia-freie Produkte und hat die Produzenten nach ihren Kriterien als Fair-Handelsorganisation eben auch als italienische Produzenten geprüft und aufgenommen. Das heißt im konkreten Fall, dass die Mitarbeiter bei den Kooperativen teilweise erstmals einen Arbeitsvertrag bekommen. Das ist nicht selbstverständlich in der Landwirtschaft, besonders in Süditalien. Dass sie sozial versichert sind. Dass sie ein festes Einkommen bekommen und so weiter.

Ich habe gehört, dass es in Süditalien eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit gibt und dass das auch ein Faktor ist, der mafiöse Strukturen begünstigen kann.

Das ist richtig und ein ganz großes Problem. Es ist einer der Ansätze, der zu den Libera-Terra-Kooperativen geführt hat. Libera Terra ist ein Ableger einer großen italienischen Anti-Mafia-Organisation, die Libera heißt. Libera ist eine Zivil-Gesellschaftliche Organisation, die von dem katholischen Priester Don Ciotti gegründet wurde. Das war Mitte der Neunziger Jahre. Es gibt ein Gesetz schon aus den achtziger Jahren, dass es dem Staat ermöglicht, die Vermögenswerte der Mafia zu konfiszieren. Dazu gehören auch Ländereien.

Legal und lecker gegen die Mafia

Die Mafia bekämpft man…

Das wurde auch gemacht?

Es wurde gemacht – tatsächlich – und wird auch heute noch in großem Umfang gemacht. Anfangs hatte man jedoch das Problem: Was macht man mit den konfiszierten Gütern? Sie konnten und durften nicht verkauft werden – aus naheliegenden Gründen, denn dann wäre es wieder die Mafia, die sie gekauft hätte und das wäre sozusagen Legalisierung mit staatlicher Hilfe. Aber zum Teil arbeiteten auf den Gütern ja auch noch Leute, als die konfisziert wurden. Die verloren dadurch ihre Arbeit.
Der Ansatz von Libera war es, ein Gesetz einzubringen, dass diese konfiszierten Güter dem Gemeinwohl wieder zur Verfügung gestellt werden. Im konkreten Fall werden Kooperativen gegründet, denen die Ländereien überlassen werden, jedoch nicht übereignet. Das heißt sie bleiben im Besitz des Staates. Die Kooperativen wirtschaften dann mit den hohen Standards von Libera. Somit wird ganz konkret etwas gegen die Jugendarbeitslosigkeit getan, indem gerade auch junge Leute in diesen Kooperativen arbeiten.
Gleichzeitig und ganz wichtig wird damit gezeigt: Es ist möglich erfolgreich zu wirtschaften, ohne sich mit Mafia zu verbinden. Libera hat es schon Mitte der neunziger Jahre geschafft, innerhalb weniger Monate 1 Mio. Unterschriften zu sammeln. Das muss man sich heute mal klarmachen. Damals gab es ja noch kein Facebook, das waren alles analoge Unterschriften. Sie haben dann das Gesetz von unten eingebracht, es wurde erlassen und wird entsprechend auch angewendet. Italien und gerade Sizilien ist ja in unseren Köpfen erst einmal Mafialand. In Wirklichkeit ist es aber auch Anti-Mafialand, denn es hat  sehr starke Anti-Mafia-Bewegungen.

Erstaunlich. Wenn ich an die sizilianische Mafia denke, fallen mir die Morde an den beiden Richtern ein …

… Falcone und Borsellino, vor 25 Jahren, 1992 …

… ja genau. Damals ist wohl auch die Stimmung in der Bevölkerung stark gekippt.

Ja, und dann immer wieder. Wobei das damals schon ein entscheidender Punkt war. Aber noch mal zu diesem ersten Gesetz, in dem es darum geht, dass Güter konfisziert werden können: Es heißt auch das Pio-La-Torre-Gesetz. Pio La Torre war ein Abgeordneter der kommunistischen Partei im sizilianischen Parlament. Er hatte ein Gesetz eingebracht, was genau das zum Ziel hatte – nämlich, dass man Vermögenswerte der Mafia konfiszieren kann. Pio La Torre wurde von der Mafia ermordet. In der Empörungswelle, die darauf folgte, ist das Gesetz durchs Parlament gegangen. Sonst wäre es wahrscheinlich gar nicht verabschiedet worden.
Und mit den Morden an Falcone und Borsellino war es ähnlich. Es gab Anfang / Mitte der Neunziger eine ganze Reihe von Anschlägen. Aber das sind so die prägnantesten, die es auch hier in die Öffentlichkeit geschafft haben. Falcone war in Begleitung und wurde mit 500 kg Sprengstoff und einem kompletten Abschnitt der Autobahn – zwischen Flughafen Palermo und Palermo – in die Luft gejagt. Das waren fast schon bürgerkriegsähnliche Zustände. Und auch in dieser Empörungswelle war die Stimmung der Bevölkerung gegen die Mafia. Und zwar so, dass es zu einer Mobilisierung geführt hat.

Legal und lecker gegen die Mafia

Logo Addiopizzo

Wie bist Du dazu gekommen, Dich für ein Anti-Mafia-Projekt zu engagieren?

Das ist eine ganz banale aber auch lustige Geschichte. Die meisten Leute, die sich im Fairen Handel engagieren, besuchen Weltläden in anderen Städten, um zu schauen, was es denn da so gibt. Und so war ich einmal im Urlaub in Domodossola in Norditalien. Ich war mit einem Freund unterwegs und wir sind ein wenig gebummelt. „Ach, da ist ja ein Weltladen! Da gehen wir gleich mal rein. Aber zuerst essen wir noch.“ Nach dem Essen waren dort alle Lichter aus. Der Laden hatte geschlossen! Irgendetwas hat uns aber dazu gebracht, die Türklinke zu probieren. Es war nicht abgeschlossen, also sind rein gegangen. Auf unser Rufen kam keine Reaktion. Da wir schon mal da waren, haben wir uns umgeschaut. Und dabei habe ich einen Wein entdeckt von Libera Terra. Der Freund, der ein bisschen Italienisch kann, hat einen Zettel geschrieben und wir haben das Geld für den Wein auf die Theke gelegt. Dann abends haben wir diesen Wein getrunken, der vorzüglich war. Mit den paar Bruchstücken Italienisch, die ich kann und mit Hilfe von meinem Freund, haben wir dann entziffert, worum es geht.
Und als ich dann kapiert habe, um was es da ging, dachte ich: „Ja, das passt! Ich schaue mal, ob wir die Sachen nicht bekommen können.“  Das war 2009. Die erste Libera-Terra-Kooperative hat sich um 2000 gegründet. Also war es noch eine ganz junge Geschichte und man war noch gar nicht auf Export ausgerichtet. Daher hat es eine ganze Weile gedauert, bis der Kontakt da war.

Und jetzt hast Du Italienisch gelernt?

Ich verstehe ein bisschen was, wenn ich weiß, worum es geht. Kaffee bestellen geht auch. Aber viel mehr eher nicht. Italienisch lernen nehme ich mir jedes Mal vor, wenn ich dort war.
Als wir den Kontakt hergestellt hatten, wussten wir nicht, ob der Handel mit Anti-Mafia-Produkten funktionieren wird. Das Interesse war sehr groß, das war uns durch Gespräche im Umfeld klar. Wenn man von Mafia, beziehungsweise von Anti-Mafia spricht, bekommen alle gleich ganz große Ohren und Augen. Aber ob sich die Produkte verkaufen lassen, das war nicht klar. Denn die Produkte sind verhältnismäßig teuer. Sie sind von hoher Qualität, aber auch hochpreisig und unser primärer Vertriebsweg sind die Weltläden. Beim Wein war es z.B. so, dass der günstigste Wein von Libera Terra deutlich teurer war als der teuerste Wein, den wir bis dahin im Sortiment hatten. Von daher gab es keine Anhaltspunkte, ob es funktionieren würde. Aber es funktioniert und daher haben wir das Sortiment seitdem auch kontinuierlich ausgebaut. Und wir sind neue Kooperationen eingegangen, mit Valdibella und Addiopizzo – das sind Schutzgeldverweigerer.

Legal und lecker gegen die Mafia

Logo Addiopizzo Zertifikat, Logo Libera Terra

Von Addiopizzo habe ich schon gehört. Ich kenne den Aufkleber, den man manchmal an einer Ladentüre in Palermo findet. Der besagt: „Hier wird kein Pizzo bezahlt.“ Vielleicht erklärst Du gerade, was Pizzo ist.

Das ist der sizilianische Begriff für das Schutzgeld an die Mafia. Schutzgelderpressung ist immer noch ein ganz wichtiger Punkt, gerade auf Sizilien, aber nicht nur dort. Man geht davon aus, dass in Palermo 70 – 75 % aller Unternehmen Schutzgeld bezahlen. Es wird aber weniger.
Wie es dazu kam, ist auch eine interessante Geschichte: Im Jahr 2004 gab es eine Gruppe Studenten, die eine Kneipe aufmachen wollten. Sie stellten einen Business-Plan auf und dann sagt irgendeiner aus diesem Kreis: „Ja, wir haben das Schutzgeld noch gar nicht einkalkuliert. Was machen wir denn, wenn die kommen und es kassieren wollen?“ Und dann gab ein Wort das andere: „Wir zahlen doch kein Schutzgeld! Was soll das?“, „Ja aber …“ Das ging so hin und her. Eines Morgens wachte Palermo auf und an fast jedem Laternenpfahl klebte ein Aufkleber: “Ein ganzes Volk, das Schutzgeld zahlt, ist ein Volk ohne Würde”. Niemand wusste, woher die Aufkleber stammten. Die Polizei nicht, die Mafia nicht, die Bevölkerung nicht, Unternehmer nicht. Nur ein paar Studenten, die das alles geheimgehalten hatten. Sie wussten ja nicht, wie die Reaktion sein würde.
Die Reaktion war positiv. Anders als rund zehn Jahre vorher, als der Unternehmer Libero Grassi von der Mafia erpresst wurde. Grassi ging mit einem Brief an die Öffentlichkeit: „Unterstützt mich. Ich will nicht zahlen. Die Mafia erpresst mich.“ Er hat damals keine Unterstützung erhalten, sondern ist von der Mafia ermordet worden.
Zehn Jahre später war mit der Aufkleber-Aktion offensichtlich die Zeit reif. Die Studenten nahmen dann Kontakt zur Polizei und zur Staatsanwaltschaft auf. Es gab auch Unternehmer, die sagten:“Klasse! Wir machen mit!“ Die Kneipe gibt es übrigens bis heute nicht. Aber statt dessen ist Addiopizzo entstanden. Addiopizzo versucht Produzenten, Unternehmer und Konsumenten zusammenzubringen.
Wer kein Pizzo bezahlen will, braucht die Unterstützung der Öffentlichkeit und der Konsumenten. Auf der anderen Seite gibt es einen Teil der Bevölkerung, der auch nicht indirekt die Mafia mitfinanzieren will, indem sie in Läden einkaufen, die Schutzgeld bezahlen – die bringt man zusammen. Wer bei Addiopizzo mitmacht, weigert sich nicht nur, den Pizzo zu bezahlen, sondern verpflichtet sich auch, Erpressungen anzuzeigen und vor Gericht auszusagen. Als Marke hat man ein Zeichen entwickelt – ein oranges Kreuz – dass man immer öfter finden kann, wenn man durch Palermo bummelt. Es sind inzwischen über tausend Unternehmen, die da mitmachen. Valdibella – die Kooperative von der wir bei legal & lecker auch diverse Produkte vertreiben, war eines der ersten Mitgliedsunternehmen von Addiopizzo. Es ist eine Kooperative von mehreren Bauern, die eigenes Land bewirtschaften. Der Vater von einem der Kooperativen-Mitglieder wurde auch von der Mafia ermordet. Als Addiopizzo entstand, war klar, das sie dabei mitmachen würden.

Legal und lecker gegen die Mafia

Mafia-Kitsch, T-Shirts

Geht die Initiative Addiopizzo über Sizilien hinaus?

Noch ist es stark auf Palermo und Umgebung konzentriert. Es gibt erste Ableger in Corleone, in Catania und erste Versuche auf dem Festland. Es gibt sogar einen Ansatz in Deutschland. Da können wir vielleicht noch drauf zurück kommen. Aber richtig viel passiert auf dem Festland noch nicht.

Falls ich als Tourist in Palermo Addiopizzo unterstützen möchte – oder umgekehrt: Falls ich die Mafia nicht unterstützen will, finde ich dann die Lokale und Geschäft, die sich Addiopizzo angeschlossen haben?

Ja, es gibt sogar einen deutschsprachigen Stadtplan von Palermo und Umgebung, der von Addiopizzo herausgegeben wurde. Darin sind die Unternehmen aufgeführt, die bei Addiopizzo mitmachen. Das sind Restaurants, Unterkunftsbetriebe, Geschäfte, eine Autovermietung, eine Sprachschule. Man kann zwar nicht zu 100%, aber doch weitgehend „Mafia-frei“ unterwegs sein, indem man die entsprechenden Unternehmen als Tourist unterstützt.

Na gut, was natürlich immer vorstellbar ist, dass sich jemand so ein Schildchen einfach in die Scheibe hängt …

Nee, das geht nicht ohne Weiteres! Weil sich die Betriebe ja verpflichten müssen, ihre Mitgliedschaft bei Addiopizzo öffentlich zu machen und Erpressungen anzuzeigen. In der Regel ist bekannt, wer zur Mafia gehört und weitgehend auch, wer Schutzgeld bezahlt. Das Problem war nur, dass niemand gegen die Mafia aussagte und keine Beweise da waren. Es ist nicht verboten, Schutzgeld zu bezahlen. Aber es ist verboten zu sagen „Ich zahle kein Schutzgeld.“ wenn man es bezahlt. Also würde man sich sogar strafbar machen. Und wenn man z.B. bei einem Mafiosi eine Liste findet, in der drinsteht, wer wann wieviel bezahlt hat, lässt sich so etwas schon abgleichen. Es heißt ganz grob, von rund 5 Mio. Einwohnern in Sizilien sind 5000 Mafiosi. Also 1 Promille, wenn ich das richtig rechne. Das sind nicht so sehr viele und sie sind weitgehend auch bekannt. Nur fehlt es oft an gerichtsfesten Beweisen, um gegen sie vorzugehen.

Das ist interessant. Das widerspricht so ein bisschen dem Vorurteil, das viele Leute hier haben. Ich habe mich gerade gestern mit Freunden darüber unterhalten, dass ich bald wieder nach Sizilien fahre. Die erste Reaktion war: „Da ist doch überall die Mafia.“

Das ist ein Problem. Auch und vor allem für die Menschen dort. Vor allem für die, die nichts mit Mafia zu tun haben wollen. Als ich vorhin sagte, 5000 Mafiosi, meinte das: der harter Kern der Aktiven. Es gibt natürlich deutlich mehr, die mit der Mafia zu tun haben. Wenn z.B. ein Betrieb Schutzgeld bezahlt, dann bleibt es häufig nicht beim Schutzgeld. „Kannst Du mal dieses Päckchen bei Dir deponieren? Das wird in zwei Tagen von meinem Cousin abgeholt.“ Da kann Rauschgift drin sein, da kann eine Waffe drin sein. „Mein Neffe sucht einen Job. Stell den mal ein.“ „Du kaufst das Mehl für Deine Pizza jetzt nur noch bei dem.“ Das sind dann mehr Opfer als Täter. Es ist natürlich eine Grauzone, denn man beteiligt sich. Aber nicht freiwillig, denn das ist eine Zwangslage. Daher ist es mir wichtig deutlich zu machen, dass unser Bild von Italien, und Sizilien speziell geprägt ist durch Filme wie „Der Pate“, aber das nicht die Realität dort ist. Ich bringe das häufig so auf den Punkt: Als Tourist wird einem die Mafia auf Sizilien nicht in Form von Mafiosi begegnen, weil man sie nicht erkennen würde …

… sondern eher als Souvenirs, die man an der nächsten Ecke kaufen kann.

Es gibt drei Möglichkeiten, der Mafia zu begegnen. Einmal ist es diese verkitschte und kommerzialisierte Form – Marlon Brando auf dem T-Shirt oder auch Bart Simson als Pate. Eben Touristen-Kitsch. Dann gibts aber die Gedenkstätten für die Opfer der Mafia. Die sind in Palermo sehr zahlreich. Wenn man z.B. zum Justizpalast geht. Wenn man einfach durch die Stadt bummelt. Dann kommt man an irgendeiner Tafel vorbei „Carabinieri Soundso, ermordet von der Mafia, dann und dann“. Das ist die zweite Art, wie man der Mafia begegnet. Und die dritte in der Form des Widerstands gegen die Mafia. Die Addiopizzo-Aufkleber in den Türen. Libera Terra hat eine eigenes Geschäft in zentraler Lage in Palermo. Daran kann man erkennen: Ok, es gibt Widerstand gegen die Mafia. Aber auch, dass es heute noch Mafia gibt.

Legal und lecker gegen die Mafia

Agroturismo Terre di Corleone

Aber den Rest spüren wir als Touristen nicht?

Als Touristen nicht. Höchstens, wenn z.B. ein Staatsanwalt, ein Journalist, vielleicht Don Ciotti unterwegs ist. Also jemand mit 24 Std. Polizeischutz und Leibwächtern. Da wird dann auch deutlich, dass auch heute noch Menschen bedroht werden und zum Teil auch ermordet. Aber wenn wir meinen, die drei da in ihren schwarzen Anzügen und den Sonnenbrillen, die muskulösen jungen Männer da, das sind doch bestimmt Mafiosi – wahrscheinlich nicht.

Wenn mich das Thema ganz besonders interessiert, hast Du eine Empfehlung, wie ich mich weiter informieren kann? Irgendwelche Internetauftritte vielleicht?

Ja, das Meiste gibt es natürlich auf Italienisch. Es gibt einiges auf Englisch, etwa bei Libera Terra und Addiopizzo. Auf deutsch gibts relativ wenig. Bei legal & lecker versuchen wir einige Infos zusammen zu tragen. Wir versuchen auch, das Thema in Deutschland ein bisschen mehr in die Öffentlichkeit zu bringen, um das gängige Italien- und Sizilienbild zu korrigieren. Andererseits ist Mafia durchaus auch Thema in Deutschland. Es gibt in Berlin einen Verein, der heißt „Mafia? Nein danke!“. Der hat sich gegründet, nachdem vor zehn Jahren in Duisburg die Mafiamorde waren. Dort war es nicht die sizilianische, sondern die kalabrische Mafia. Danach haben sich Gastronomen in Berlin zusammengetan und einen Verein nach dem Vorbild von Addiopizzo gegründet. Sie haben den Kontakt zur Polizei gesucht, auch um im Fall einer Erpressung reagieren zu können.

Wahrscheinlich mit weniger Resonanz in der Bevölkerung, weil es bei uns ja überhaupt nicht so präsent ist?

Das auf jeden Fall, aber durchaus auch mit Erfolg. Einige wurden tatsächlich erpresst. Sie haben ihre Erpresser angezeigt, der Kontakt zur Polizei stand ja. Die Erpresser wurden verhaftet und kamen für mehrere Jahre ins Gefängnis. Es hat also funktioniert. Der Verein „Mafia? Nein danke!“ arbeitet ebenfalls daran, das Thema in die hiesige Öffentlichkeit zu bringen. In Berlin hat es mit Unterstützung von Politikern eine große Anti-Mafia-Konferenz gegeben. Der Verein „Mafia? Nein danke!“ hat einen wirklich lesenswerten Newsletter. Auf der Homepage findet man auch viel zum Thema Mafia in Deutschland. Das kann ich nur empfehlen.

Ist Dir denn eigentlich schon mal was passiert oder ist das, was Du tust in irgendeiner Form gefährlich?

Also passiert ist nichts. Auch den Kooperativen nicht, mit denen wir zusammen arbeiten – es hat wohl in der Anfangszeit immer mal wieder Übergriffe gegeben, hauptsächlich Sabotage. Da ist mal ein Traktor beschädigt worden, ein Feld angezündet, ein Weizenfeld ist über Nacht abgeerntet worden. Man hat auch schon – allerdings in Kalabrien – Bauern, die gerade die Olivenernte fertig hatten, die Ernte mit vorgehaltener Waffe vom Anhänger geklaut. Also es gibt durchaus die Konfrontation in Italien. Hier, wie gesagt, ist noch nichts passiert und ich rechne auch nicht damit. Die Öffentlichkeit ist ein ganz großer Schutz. Ich persönlich halte es für gefährlich, wenn man Mafia einfach machen lässt. Das sind nicht einfach nur Kriminelle, die ihre kriminellen Geschäfte machen, sondern man rechnet, dass die vier großen italienischen Mafia-Organisationen allein bis zu 140 Milliarden Euro Umsatz im Jahr machen.

Legal und lecker gegen die Mafia

Produkte von legal und lecker

Das ist fast schon ein Staatsetat.

Das ist mehr als der Staatsetat von manchen Staaten. 70 Mill. davon, also die Hälfte, ist „Gewinn“, der angelegt sein will. Deutschland ist ein sehr beliebtes Anlageland, weil hier die Geldwäsche-Gesetze nicht so strikt sind wie in Italien. Und ich halte es für gefährlich, wenn man davor einfach die Augen verschließt. Das ist grundsätzlich demokratie- und damit gesellschaftsgefährdend und damit ein echtes Problem. Nur weil man sie nicht sieht, heißt das nicht, dass die Mafia hier nicht aktiv ist.

Jetzt habe ich bisher noch gar nicht gefragt, was eigentlich Eure Produktpalette ist. Wenn man Euch unterstützen möchte, was bekommt man da Schönes?

Ja uns und die Produzenten vor allem! Wir sind Händler, uns unterstützt man damit auch, aber wir wählen unsere Produzenten und Lieferanten schon sehr genau aus. Es gibt die ganze Palette wunderbarer italienischer Feinkost. Angefangen bei Nudeln über alles Mögliche mit Tomaten, also passierte Tomaten, geschälte Tomaten, eingelegte, getrocknete Tomaten, Olivenpaste, Artischockenpaste, Kichererbsen, Couscous…

… Zitronen fällt mir bei Sizilien ein…

… es gibt Zitronen- und Orangenmarmelade, Limoncello. Es gibt Grappa, diverse, sehr gute Weine. Wir schauen auch immer nach Neuigkeiten. Zur Weihnachtszeit gibt es z.B. Pasta di Mandorla.

Wahrscheinlich warst Du selber schon oft in Sizilien? Kannst Du etwas empfehlen, was man dort gesehen haben sollte?

Leider waren die Besuche bisher immer geschäftlich. Die wenigen touristischen Elemente haben mich aber trotzdem neugierig gemacht, davon noch mehr zu sehen. Bisher bin ich über das Dreieck Palermo – Corleone – Camporeale nicht hinausgekommen. Ich möchte auch gerne mal zum Klettern dahin, das ist gar keine Frage. Und gut Essen und Trinken kann man da auch.

Was mich zu meiner letzten Frage führt: Was ist dein Lieblingsgericht, wenn Du da bist?

(Grübelt) Das ist jetzt ein bisschen schwierig. Also wenn ich auf Sizilien war, war es bisher so, dass wir bei den Produzenten untergebracht waren. Dort wurde dann gemeinsam gekocht, mit den Produkten, die dort auch hergestellt wurden und zum Teil auch frisch aus dem Garten kamen. Welche Namen die Gerichte hatten, kann ich leider nicht sagen. Dazu fällt mit aber „Mafia-frei Urlaub machen“ ein: Libera Terra hat zwei Agriturismo, einen in der Nähe von Corleone, einen in Portella della Ginestra, beides im Hinterland von Palermo. Dort kann man sich einmieten und da kann man auch ganz hervorragend essen. In beiden Häusern bin ich schon gewesen und bekocht worden. Unter vier Gängen ging da sowieso nichts.

Habe ich auch schon mal mitgemacht. Danach braucht man zwei Tage lang nichts mehr essen.

Ich war einmal mit einer Reisegruppe da. Am ersten Tag gab es zum Frühstück Kaffee und ein paar eingepackte Kekse. Da hatten einige schon einen hängenden Magen als es quer durch Palermo ging, durch die Märkte, zur Kathedrale. Und erst abends gabs dann in einem Addiopizzo-Restaurant ein ausführliches Abendessen. Danach war es kein Problem mehr, dass am nächsten Tag das Frühstück etwas spärlich war. Wem das nicht reicht, dem empfehle ich das Streetfood in Palermo: z.B. Arancini, das sind frittierte Reisbällchen mit allen möglichen Füllungen – unglaublich gut und lecker! Und unglaublich preiswert.

Dann sage ich Danke für das Interview!

Danke fürs Fragen.

 

Alle Fotos – bis auf das letzte – wurden uns freundlicherweise von Martin Klupsch zur Verfügung gestellt.

Links zum Thema:

Legal & lecker

Fair-Handelszentrum Rheinland

Libera
Die italienische Nicht-Regierungs-Organisation „Libera. Associazioni, nomi e numeri contro le mafie“ (wörtlich übersetzt: „Frei. Vereinigungen, Namen und Zahlen gegen Mafia“) ist Dachorganisation vieler Vereine, Stiftungen und Unternehmen der Anti-Mafia-Bewegung. Sie organisieren vielfältige Protest- und Widerstandsaktionen und fördern aktiv die Entwicklung von Kooperativen auf mafia-befreiten Ländereien in Italien.
Libera

Libera Terra
Unter dem Namen Libera Terra haben sich verschiedene Genossenschaften zusammengeschlossen, die dem Netzwerk Libera angehören.
Libera Terra

Altromercato
Altromercato ist eine genossenschaftliche Organisation, die in Italien Import, Marketing und Vertrieb von fairen Produkten betreibt. Ihr gehören auch zahlreiche Geschäfte, Nicht-Regierungs-Organisationen, ethische Finanzinstitute und faire Tourismus-Organisationen an.
Altromercato

Addiopizzo
Addiopizzo ist eine sizilianische Antimafia-Bewegung. Sie widmet sie sich hauptsächlich dem Kampf gegen die sizilianischen Mafia.
Addiopizzo

Mafia? Nein Danke e.V.
Mafia? Nein, Danke! wurde als Folge der Mafiamorde von Duisburg im Jahr 2007 gegründet und ist ein Verein, der sich der Bekämpfung der organisierten Kriminalität in Deutschland verschrieben hat.
Mafia? Nein Danke e.V.

Sizilianisches Dokumentationszentrum
Im sizilianischen Dokumentationszentrum (italienisch: Centro Impastato) betreibt man Forschung zur Mafia in Sizilien. Es war das erste Studienzentrum in Italien, das sich diesem Thema gewidmet hat.
Sizilianisches Dokumentationszentrum

Valdibella
Valdibella ist eine Genossenschaft, die typisch sizilianische Produkte auf nachhaltig-biologische Weise anbaut und produziert. Dabei legt sie großen Wert auf ein soziales Engagement, was sich in Ausbildungsprojekten und einer mafia-freien Arbeitsweise wiederspiegelt. Deshalb wurde Valdibella auch von Addiopizzo zertifiziert.
Valdibella

STADTGESPRÄCHE Reisen
STADTGESPRÄCHE Reisen bietet mafia-freie Kultur- und Sprachreisen nach Sizilien an.
STADTGESPRÄCHE Reisen